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Die Frau seines Lebens

Trost war ständig unterwegs und hatte daher keine Gelegenheit, die Frau seines Lebens zu finden. Oder war sein Unterwegssein ein ständiges Suchen? Oder war es Flucht? Oft fuhr er mit dem Zug. Einmal hielt der Zug - es war ein milder Sommerabend, und die Sonne stand glutrot am Horizont - auf freier Strecke vor einem Signal. Auf dem Nebengleis hielt ebenfalls ein Zug, welcher aus der entgegengesetzten Richtung gekommen war. Trost stand von seinem Sitz auf und ging ans Fenster, um sich den anderen Zug anzusehen. In diesem Zug, im gegenüberliegenden Abteil, war ebenfalls jemand, eine Frau, aufgestanden und ans Fenster getreten, um ihrerseits einen Blick in das andere Abteil zu werfen. Ihre Blicke trafen sich für Sekunden. Sie ist, erkannte Trost, die Frau meines Lebens. Im gleichen Moment sprangen die Signale auf Grün, und beide Züge setzten sich wieder in Bewegung. Seitdem blieb er zu Hause.

 

Dankbarkeit

Trost ging - es dunkelte schon - durch den Park, als aus dem Gebüsch zwei Männer traten, ihm ein Messer an den Hals setzten und mit barschen Worten seine Börse forderten. Ihre Hemden stanken nach Schweiß und ihr Atem nach billigem Fusel. Schnell und gern gab er ihnen das Geforderte und seine silberne Taschenuhr nach dazu. "Ich bin so froh", sprach er zu ihnen, "endlich einmal wieder Beachtung zu finden, aus welchen Gründen auch immer. Ich hatte seit Wochen das Gefühl, nicht mehr beachtet zu werden, ja, manchmal fragte ich mich, ob ich überhaupt noch lebe. Und ich begreife nicht, warum, ich meine, warum will niemand etwas mit mir zu tun haben? Sie aber haben den Kontakt zu mir gesucht, Sie haben mich der Einsamkeit entrissen, ich danke Ihnen. Möchten Sie vielleicht noch meine ec-Karte haben, natürlich inklusive Geheimnummer?" Die beiden Männer sahen ihn für einen Moment ungläubig an, dann gaben sie ihm Geld und Uhr zurück, so sehr er sich auch sträubte.

 

Wie Literatur funktioniert

"Können Sie mir vielleicht sagen, wie Literatur funktioniert?", fragte Fräulein Zart, eine Leserin, den berühmten Schriftsteller Trost, der gerade seinen neununddreißigsten Lyrikband veröffentlicht hatte. "Ich meine, wie kommen Schriftsteller und Leser zusammen, oder noch anders ausgedrückt: Warum schreibt der eine und der andere liest?" - Trost überlegte einen Augenblick. Dann huschte ein Lächeln - oder war es mehr ein ausgewachsenes Grinsen? - über sein Gesicht. "Nun, der Schriftsteller hat das Bedürfnis, etwas über sich zu schreiben, und der Leser hat das Bedürfnis, etwas über sich zu lesen", antwortete er. "Während ersterer aber nicht das schreibt, was letzterer über sich lesen will, will dieser nicht lesen, was jener über sich geschrieben hat. So funktioniert das, denke ich." - "Das einzige, was dabei auf der Strecke bleibt, ist lediglich der Text", fügte er hinzu.

 
 

Pressestimmen

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"Pointiert und konzentriert, mit Humor und Melancholie hat Roland Lampe seine kleinen Geschichten erzählt. Mal ist es nur ein Satz, Aphorismen gleich wie in der Überschrift, mal eine ganze Seite, auf der ein oft trauriger Trost hinter die Maske des Lebens blickt."

Marlies Schnaibel in der "Märkischen Allgemeinen", 14.10.2003

 

"Die Texte sind knapp, gehen kaum über zwei Druckseiten hinaus, sind sprachlich ziseliert und machen die Kunstfigur Trost (die an Brechts Keuner-Geschichten erinnert) nach wenigen Anläufen plastisch..."

Klaus-Dieter Schönewerk im "Neuen Deutschland", 5.09.2003

 

"Der Autor konfrontiert uns mit einer Abfolge tragikomischer Alltagskatastrophen. Jede Leserin und jeder Leser wird sich selbst daran messen: ‚Gott, wie depressiv; ein Glück, daß ich nicht so bin!' Oder, andersherum: ‚Wie treffend! Er schreibt mir aus der Seele.' Das ist es, was Trost spendet."

Martin Bering in "Scheinschlag" 8/2004

 

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